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Heimat des Herzens – Blick ins Buch

378_frontHeimat des Herzens – Teil 4 der Lake Anna-Reihe

Katie Travis kann es nicht fassen, als Ewan Blake vor ihr steht, um sich im Lake View Inn einzumieten. Vor zwölf Jahren hat er die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen – und sie glaubte nicht dran, ihn jemals wiederzusehen. Nun ist er zurück und bereit, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Seine Anziehungskraft scheint stärker als je zuvor, sein Blick lässt ihr Herz schneller schlagen und seine Berührungen erinnern sie an längst vergessene Zeiten. Es wäre so einfach, sich auf ihn einzulassen, doch ihre Welt hat sich seit seinem Weggang weitergedreht. Katie trägt Verantwortung. Für die Pension. Für ihre Kinder. Und sie hat ein Geheimnis, von dem Ewan keinesfalls erfahren darf.

*

Textschnipsel aus dem Buch

„Willst du ihn mal halten?“ Max hob Katie seinen Sohn entgegen. Sie nahm ihn auf den Arm und atmete den feinen Geruch ein, den man nur bei Babys fand. Mit den Fingerspitzen strich sie über die winzige Wange. „Das habt ihr wundervoll gemacht.“ Ihr Blick glitt zu ihren eigenen Kindern, die sich mit Shane in eine Ecke zurückgezogen hatten. Sie konnte sich noch gut an ihre ersten Jahre erinnern. Manchmal war es ein Trip durch das Fegefeuer gewesen. Genau genommen war es ziemlich oft die Hölle gewesen. Trotzdem hätte sie ihre Kinder um nichts in der Welt aufgegeben. Sie hatte sich im ersten Moment in die beiden verliebt und würde Himmel und Hölle für sie in Bewegung setzen. Immer. Sie konnte Max’ und Saras glänzende Augen sehr gut verstehen. Sie würden dem kleinen Jake fantastische Eltern sein.

„Hey, du kannst ihn nicht für dich behalten.“ Josh nahm ihr das Baby ab. „Diesen Neffen erziehen wir von Anfang an richtig.“

„Was?“ Shane boxte seinen Onkel gegen den Arm. „Bezieht sich das auf mich?“

„Auf wen denn sonst? Aus dir einen anständigen Kerl zu machen war Schwerstarbeit.“

„Pff. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich versucht habe, zu werden wie ihr. Dabei konnte ja nichts Gutes rauskommen.“

Katie schmunzelte. Shane hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie ähnlich er seinen Onkeln war – und zu was für einem wundervollen Jungen er sich entwickelt hatte. Von dem kleinen Rebell, der ihrem Sohn an seinem ersten Tag in der neuen Schule die Nase gebrochen hatte, war nichts mehr übrig.

Jake machte die Runde, wurde geherzt, bewundert und mit kleinen Weissagungen für seine Zukunft versorgt. Alex hielt ihn schließlich Ewan unter die Nase.

„Oh.“ Mit einem leicht panischen Ausdruck in den Augen stieß er sich von der Wand ab. „Ich will ihm nicht wehtun.“

Alex schnaubte wenig damenhaft. „Nimm ihn. Jake ist ein Bennett – und nicht aus Zucker.

Ewan ließ sich das kleine Bündel von ihr in die Arme legen. Jake wählte genau diesen Moment, um die Augen aufzuschlagen und sein Mündchen auf eine Art zu verziehen, die einem Lächeln ähnelte. Das war natürlich Quatsch. Das Baby konnte Ewan noch nicht einmal erkennen. Trotzdem zog sich ihr Herz zusammen, als er den Blick von Jakes Gesichtchen hob, die Augen voller Wunder und Ehrfurcht. Er sah Katie direkt an, und sie schluckte. All das hättest du haben können, schrie eine Stimme aus ihrem Inneren ihm zu. Sie musste die Lippen zusammenpressen, um es nicht laut auszusprechen. All das hätten Ewan und sie haben können. Gemeinsam. Wenn er nicht bei Nacht und Nebel abgehauen wäre.

 

*

 

Katie fühlte sich wie unter einem Bann. Nicht in der Lage, sich zu bewegen. Abstand zwischen Ewan und sich zu bringen. Seine schokoladenbraunen Augen hielten sie gefangen. Sie hatten sich über die Jahre verändert. Kleine Fältchen gruben sich in die Augenwinkel, wenn er lächelte. Die Farbe war immer noch die gleiche. Dunkel und geheimnisvoll. Magisch.

„Dein Wissensdurst ist also nicht versiegt“, stellte er leise fest. „Er ist nur anders als früher. Das gefällt mir.“ Der Finger, der ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr geschoben hatte, glitt über ihre Wange und verursachte ihr eine Gänsehaut. „Du gefällst mir. Ich sehe dich an und denke, nichts hat sich verändert. Ich denke, es war richtig, zurückzukommen. Hier zu sein.“ Sein Gesicht näherte sich ihrem.

Katie konnte ihn riechen. Seife und Weichspüler. Vermischt mit dem Duft des Kaffees, den er getrunken hatte und dem Kiefernholz, das im Kamin brannte. Sie wollte das nicht. Er hatte unrecht. Es war nicht wie vor zwölf Jahren. Sie waren keine Teenager mehr. Was er in Begriff war, zu tun, würde Konsequenzen nach sich ziehen. „Ewan …“

„Sch.“ Er legte seine Lippen auf ihre, beinahe schüchtern. Langsam fuhr er über ihren Mund, erkundete ihn. Alte, tief vergrabene Gefühle überspülten Katie, brannten schmerzhaft und katapultierten sie gleichzeitig in den Himmel. Ewan war Ewan. Nichts hatte sich geändert. Auch nicht nach so langer Zeit. Er musste sie nur küssen, und sie vergaß, was geschehen war, verdrängte die Hölle, durch die sie gegangen war.

 

*

 

Bis jetzt hatte er sich keine Gedanken über seine Ankunft gemacht. Er konnte auf die Bennett-Ranch fahren, entschied sich aber dagegen. Seine Cousins würden ihn willkommen heißen, keine Frage, aber sie waren mit Sicherheit auch sauer und genervt von ihm. Es war besser, erst einmal zur Ruhe zu kommen und den Jetlag, der immer noch durch seinen Körper tobte, richtig auszuschlafen. Mit einem klaren Kopf war er seiner Verwandtschaft besser gewachsen.

In Kings Motel einzuchecken kam für einen Einheimischen, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, nicht infrage. Das hatte sich in den vergangenen Jahren mit Sicherheit nicht geändert. Blieb das Lake View Inn. Er würde viel dafür geben, nicht dort übernachten zu müssen, aber in seiner Abwesenheit hatte kein weiteres Hotel in Lake Anna eröffnet. Für einen Augenblick zögerte er, dann lenkte er den SUV wieder auf die Straße und fuhr zum Inn. Er hatte keine Wahl. Vielleicht kam er wenigstens ungesehen davon. Mit etwas Glück – wobei ihm das in letzter Zeit nicht gerade hold gewesen war. Er parkte vor der Pension, ließ seine Sachen im Wagen und betrat die Rezeption. Er setzte die Sonnenbrille ab und sah sich um. Es hatte sich nicht viel verändert, auch wenn die Wände inzwischen in frischeren und freundlicheren Farben gestrichen waren.

Der Tresen war nicht besetzt, also drückte er die Klingel.

»Ich komme«, rief eine helle, ihm unbekannte Stimme aus den Tiefen des Gebäudes. Ewan entspannte sich. Ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, schoss durch die Tür mit dem Privat-Schild und kam hinter dem Tresen zum Stehen. Sie sah aus wie … Er blinzelte.

Das Mädchen starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. »Oh … oh mein Gott!«, stammelte sie. »Sie … Sie sind …«

»Ewan Blake«, sagte das erwachsene Ebenbild des Mädchens, das hinter ihr durch die Tür trat.

Sein Magen zog sich für einen Augenblick zusammen. Er musterte die Frau mit einem langen, abschätzigen Blick. »Katie Travis. Schön, dich zu sehen«, log er.

 

(Textausschnitt aus „Heimat des Herzens – Lake Anna 4“ – urheberrechtlich geschütztes Material)